Executive Summary
Unternehmenswerte wirken nur, wenn sie im Alltag Verhalten und Entscheidungen leiten – nicht, wenn sie als „Wanddeko“ an der Wand hängen. In diesem Blog beantworte ich häufige Praxisfragen (FAQs): Welche Wertebereiche sollten mit 3–4 Unternehmenswerten abgedeckt sein? Woran erkennen Sie Posterwerte – und was ist ein erster pragmatischer Schritt zurück in die gelebte Kultur? Und: Müssen Werte immer positiv formuliert sein, oder brauchen sie klare Grenzen? Sie bekommen ein einfaches Strukturmodell (drei Wertebereiche), klare Erkennungsmerkmale und ein Do/Don’t-Format inklusive Beispielen.
Einleitung
Viele mittelständische Unternehmen haben Unternehmenswerte. Manche wurden intern erarbeitet, manche existieren „historisch“, manche wurden irgendwann einmal formuliert – und dann blieb es dabei. In der Praxis zeigt sich dann häufig ein unangenehmer Befund:
Die Werte sind (halbwegs) bekannt – aber sie wirken nicht.
Und genau das ist der Punkt, an dem Werte ihre eigentliche Aufgabe verfehlen. Unternehmenswerte sind nicht dafür da, gut zu klingen. Sie sind dafür da, in Situationen Orientierung zu geben, in denen Regeln, Prozesse oder Zuständigkeiten nicht eindeutig helfen. Also dort, wo Kultur entsteht: in Entscheidungen, Konflikten, Zusammenarbeit, Prioritäten.
Dieser Blog ist als FAQ-Blog angelegt: Es sind Fragen, die mir Hörer meines Corporate Culture Podcast (v.a. aufgund der Folgen 39 und 40: “Kulturkern statt Wanddeko: So erarbeiten Sie Unternehmenswerte, die wirklich gelebt werden” Teil 1 und Teil 2) gestellt haben. Ich greife drei Fragen auf, die in der Praxis immer wieder kommen – und die für Unternehmer, Geschäftsführer und Führungsteams im Mittelstand besonders relevant sind.
Bevor wir einsteigen, eine sehr kurze Zusammenfassung der beiden vorigen Folgen zu „Kulturkern statt Wanddeko“ – damit wirklich jeder mitkommt, auch wenn Sie Teil 1 und 2 des Podcasts nicht gehört haben.
Kurze Zusammenfassung: Was in Teil 1 und Teil 2 wichtig war
Teil 1: Werte entwickeln – intern, nicht „von außen“
Die erste Grundidee war: Entwickeln Sie Ihre Unternehmenswerte intern, idealerweise mit Ihrem Führungsteam oder mit repräsentativen Mitarbeitenden aus verschiedenen Bereichen. Nicht allein im stillen Kämmerlein, und nicht als „Produkt“ einer Agentur oder externer Berater.
Zweiter Kernpunkt: Begrenzen Sie sich. Drei, maximal vier Werte – und diese dann operationalisieren (also mit Leben füllen) und im Führungsteam testen, bevor Sie sie breit „ausrollen“. Sonst ernten Sie Zynismus, weil Mitarbeitende sehr schnell merken, ob Führungskräfte die Werte selbst ernst nehmen oder nicht.
Teil 2: Mitarbeitende einbeziehen – und die Brücke schlagen
Im zweiten Teil ging es darum, wie Sie Mitarbeitende sinnvoll einbeziehen: über Workshops, in denen Sie Werte sauber von Vision, Mission/Purpose und Strategie abgrenzen, dann die Mitarbeitenden über ihre eigenen Werte abholen – und vor allem die Brücke schlagen: „Wie finden Sie Ihre persönlichen Werte in den Unternehmenswerten wieder?“
Zusätzlich: Wo stehen wir heute mit den Werten? Was klappt schon gut, wo braucht es Maßnahmen, damit Werte im Alltag stärker gelebt werden?
Damit sind wir beim Kern dieses Blogs: häufige Fragen – klare Antworten.
FAQ 1: „Kann ich für die maximal vier Unternehmenswerte irgendwelche Werte nehmen – oder sollte ich bestimmte Bereiche abdecken?“
Die Frage höre ich oft – und sie ist berechtigt. Denn wenn Werte später Verhalten steuern sollen, ist die Auswahl nicht trivial.
Meine Antwort lautet: Natürlich sind Sie frei. Aber: Es hat sich bewährt, die Unternehmenswerte so zu wählen, dass sie die Organisation „ganz“ abdecken – statt zufällig zu sein. Und dafür gibt es ein sehr hilfreiches Strukturmodell, das ursprünglich aus der Antike stammt und auch in systemischen Betrachtungen von Organisationen wieder auftaucht: Menschen erfassen und gestalten Wirklichkeit über drei grundlegende Pole.
Diese drei Pole werden oft mit einem philosophischen Dreiklang beschrieben:
- das Wahre
- das Gute
- das Schöne
Das klingt zunächst sehr abstrakt. Deshalb übersetze ich es konsequent in eine Unternehmenslogik, die Sie im Alltag nutzen können.
1) Das Wahre: Wissen, Verstand, Erkenntnis
„Das Wahre“ steht für alles, was mit Wissen, Intellekt, Klarheit und „Zahlen, Daten, Fakten“ zu tun hat. Typische Werte in diesem Bereich sind zum Beispiel:
- Wirtschaftlichkeit
- Transparenz
- Ehrlichkeit
- Fehlerkultur
- Innovation
- Professionalität
- Neugier
- Klarheit
- Fachkompetenz
Das sind Werte, die verhindern, dass ein Unternehmen in Wunschdenken, Intransparenz oder fachliche Beliebigkeit abrutscht. Gerade im Mittelstand, wo Entscheidungen oft schnell getroffen werden müssen, ist dieser Pol der „Realitätsanker“.
2) Das Gute: Beziehung, Miteinander, Herz
„Das Gute“ steht symbolisch für das Herz: Beziehungen, Miteinander, Vertrauen, der menschliche Umgang – gerade unter Stress. Typische Werte sind:
- Respekt
- Wertschätzung
- One Team / Zusammenarbeit / Kollegialität
- Loyalität
- Integrität
- Kundenorientierung
- Verantwortung
- Empathie
- Mitarbeiterorientierung
Dieser Pol schützt vor kultureller Beliebigkeit, Silo-Denken oder „harte Leistung, aber kalter Ton“. In vielen Organisationen ist genau das der Teil, der über Motivation und Bindung entscheidet.
3) Das Schöne: Struktur, Form, Handlung – die „Hand“
„Das Schöne“ steht symbolisch für die Hand: Struktur, Form, Ordnung, das „Anfassbare“. Typische Werte sind:
- Präzision
- Effizienz
- Sauberkeit
- Disziplin
- Zuverlässigkeit
- Qualität
- Kontinuität
- (in manchen Kontexten, z.B. Design) Harmonie und Ästhetik
Das ist der Pol, der aus guter Absicht verlässliche Realität macht. Ohne diesen Pol wird vieles „nett gemeint“, aber nicht stabil umgesetzt.
Warum es sinnvoll ist, alle drei Pole abzudecken
Das Entscheidende ist: Wenn ein Pol fehlt, entstehen typische Nebenwirkungen.
- Fehlt „das Schöne“ (Ordnung/Struktur), kippt „das Gute“ (Beziehung) leicht in emotionales Chaos.
- Fehlt „das Wahre“ (Erkenntnis/Klarheit), verkommt Ordnung leicht zum leeren Formalismus – man kennt das aus überbürokratisierten Strukturen.
Diese Gedanken sind nicht als Philosophievorlesung gedacht, sondern als Diagnosehilfe: Wenn Ihr Unternehmen sich „einseitig“ anfühlt, lohnt sich oft ein Blick auf genau diese Balance.
Was mache ich mit dem 4. Wert?
Wenn Sie die drei Pole mit je einem Wert abgedeckt haben, ist der vierte Wert Ihr Bonuswert. Er sollte bewusst gewählt werden – abhängig davon, was Ihr Unternehmen aktuell am meisten braucht.
Beispiele:
- Wenn Ihre Branche krisengeschüttelt ist oder Ihr Team in Unsicherheit steckt, kann ein zusätzlicher Wert aus dem Bereich „Ordnung/Struktur“ sinnvoll sein, um Stabilität zu stärken.
- Wenn Ihr Team eher „in der Starre“ ist und Innovation fehlt, könnte ein zusätzlicher Wert aus „Wahrheit/Erkenntnis“ sinnvoll sein, z. B. Innovation.
- Wenn Konflikte im Team hoch sind, kann ein zusätzlicher Wert aus „Herz/Beziehung“ helfen – zum Beispiel Vertrauen oder One Team.
Wichtig: Der Bonuswert ist nicht „weil wir noch einen vierten brauchen“, sondern weil Sie damit ein strategisches Signal setzen: Das ist der Bereich, in dem wir bewusst stärker werden wollen.
FAQ 2: „Woran merke ich, dass unsere Werte nur Wanddeko sind – und was ist ein erster Schritt zurück in die Praxis?“
Diese Frage ist für viele Unternehmen sehr entlastend, weil sie zeigt: Es ist normal, dass Werte ohne konsequente Pflege „verschwinden“. Die gute Nachricht ist: Sie erkennen Posterwerte relativ schnell – und Sie können pragmatisch gegensteuern.
Drei klare Indikatoren für „Wanddeko“
- Niemand kann die Werte spontan benennen – inklusive Führungskräften.
Wenn Werte nicht im Kopf präsent sind, steuern sie selten Verhalten.
- Bei Entscheidungen und Konflikten spielen Werte keine Rolle.
Dann geht es nur um Macht, Geschwindigkeit, Gutdünken – aber nicht um eine gemeinsame Leitplanke.
- Es gibt keine Beispiele, keine Stories.
Kultur lebt von Geschichten. Wenn niemand eine Situation erzählen kann, in der ein Wert sichtbar gelebt wurde, dann ist der Wert im Alltag vermutlich nicht wirksam.
Z.B.: Um das Problem eines Kunden, dessen Produkt ausgefallen war so schnell wie möglich zu lösen, wurden in einem sehr kundenorientierten Unternehmen keine Kosten gescheut. Da ein benötigtes Ersatzteil nicht sofort verfügbar war, mietete das Unternehmen kurzerhand einen Hubschrauber, um das Teil direkt zum Kundenstandort zu fliegen. Die konkrete Story ist weniger wichtig als das Prinzip: Wenn Werte Kultur sind, entstehen Geschichten, die man weitererzählt.
Der erste pragmatische Schritt: Klein anfangen und konsequent üben
Wenn Werte Wanddeko geworden sind, ist die häufigste falsche Reaktion: „Dann müssen wir neue Werte machen.“ Oft müssen Sie nicht neue Werte machen – sondern die vorhandenen scharfstellen und üben.
Meine Empfehlung:
- Werte anschauen und kurz nachschärfen (Definition, Feinschliff).
- Drei Do’s definieren: beobachtbares Verhalten, das den Wert im Alltag sichtbar macht.
- Zwei Don’ts definieren: was Sie ausdrücklich nicht wollen – als Schutz vor Missverständnissen.
- Ehrlicher Check: Wo hat es funktioniert, wo nicht – und warum nicht?
- Wichtigster Fokuspunkt: Nehmen Sie zunächst nur einen Wert, nicht alle.
Der entscheidende Kulturmechanismus ist nicht „große Kommunikation“, sondern „kleine Übung mit Konsequenz“. Starten Sie im Führungsteam, stabilisieren Sie die Werte dort – einen Wert nach dem anderen und dann erst weiter.
FAQ 3: „Müssen Werte immer positiv formuliert sein – oder dürfen wir auch klar sagen, was wir nicht wollen?“
Diese Frage ist im Mittelstand besonders relevant, weil dort oft sehr pragmatisch gearbeitet wird. Viele Führungskräfte spüren intuitiv: Positive Werte sind schön – aber sie lassen virl Interpretationsspielraum. Und genau dieser Interpretationsspielraum wird im Alltag zum Problem.
Meine klare Empfehlung: Werte dürfen und sollen Grenzen haben
Ich sage bewusst: Ja, Werte dürfen und sollen Grenzen haben.
Positiv formulierte Werte lassen oft sehr viele Interpretationen zu. Dann passiert das, was viele Mittelständler kennen: Alle nicken – aber jeder versteht etwas anderes, und am Ende wird wieder das gelebt, was sich „durchsetzt“.
Deshalb arbeite ich gern mit einer klaren Struktur:
- Knackige Definition
- drei Do’s (konkretes, beobachtbares Verhalten)
- zwei Don’ts (klare Grenzen)
Wichtig: Don’ts sind keine Verbotskultur. Sie sind Schutz vor Missverständnissen – gerade in stressigen Situationen.
Beispiel 1: Wert „Verbindlichkeit“ (Ordnung / „das Schöne“)
Definition: „Zusagen gelten. Wir sagen nicht nur zu, sondern wir liefern.“
Do’s:
- „Wer macht was, mit wem, bis wann“ wird festgehalten.
- Risiken werden früh gemeldet, nicht erst am Stichtag.
- Wenn etwas nicht klappt, wird nachgesteuert – ohne Schuldzuweisung.
Don’ts:
- Keine stillen Terminbrüche ohne Ansage.
- Kein „Ich dachte, das macht jemand anders“ – stattdessen Klarheit herstellen.
Dieses Beispiel zeigt sehr gut, warum Don’ts helfen: Sie benennen genau die Verhaltensweisen, die Vertrauen im Alltag zerstören.
Beispiel 2: Wert „Respekt“ (Beziehung / „das Gute“)
Definition: „Wir bleiben in der Sache klar und im Tonfall freundlich.“
Do’s:
- Wir lassen ausreden und hören aktiv zu.
- Kritik wird direkt, konkret und fair geäußert.
- Konflikte werden angesprochen – direkt, nicht über Dritte.
Don’ts:
- Keine Ironie, kein Bloßstellen, kein Abwerten – auch nicht „aus Spaß“.
- Kein Reden übereinander statt miteinander.
Und jetzt kommt der Punkt, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
Der wichtigste Satz zur Umsetzung: Don’ts wirken nur, wenn Führung sie schützt
Die beste Werteformulierung bringt nichts, wenn Führung das Gegenteil toleriert.
Wenn die Geschäftsführung beim respektlosen Kommentar lächelt oder weitergeht, dann wirkt das stärker als jedes Werteposter.
Das ist Kultur in Reinform: Was geduldet wird, wird Normalität. Wer Werte ernst meint, muss Grenzen nicht hart, aber konsequent setzen – sonst lernen Mitarbeitende sofort: „Ist hier optional.“
Fazit: Werte wirken nicht durch Formulierungen, sondern durch Konsequenz
Unternehmenswerte sind ein machtvolles Instrument – wenn sie mehr sind als schöne Worte. Wenn Sie die Werte so auswählen, dass sie Ihr Unternehmen in seiner Realität abdecken, wenn Sie Posterwerte konsequent in Alltagshandeln übersetzen und wenn Sie Werte durch Do’s und Don’ts präzisieren, dann entsteht Orientierung.
Und Orientierung ist das, was Unternehmen heute brauchen: bei Tempo, Unsicherheit und komplexen Entscheidungen.
Der vielleicht wichtigste Satz aus diesem Beitrag ist für mich:
Werte werden nicht dadurch wahr, dass man sie aufschreibt – sondern dadurch, dass Führung sie volebt und schützt.
Herzliche Grüße
Björn Johannsmeier
PS: Wenn Sie Lust bekommen haben, Ihre Unternehmenswerte auf den Prüfstand zu stellen – oder sie neu, sauber und praxistauglich zu erarbeiten – unterstütze ich Sie gern mit Rat und Tat: von der Auswahl (3+1-Logik), über Operationalisierung (Definition/Do/Don’t) bis zur Verankerung im Führungsteam und in der Organisation. Hier können Sie ihren Termin zum kostenloesen Erstgespräch buchen.






