Executive Summary
Wenn Ihre Transformation stockt, schafft die Fishbowl schnell Klarheit und Verbindlichkeit. Das Format trennt Sprechen und Zuhören: Ein Innenkreis diskutiert, der Außenkreis hört zu – anschließend Rollenwechsel und gemeinsame Synthese. So entsteht ein ehrlicher Spiegel z.B. zwischen Geschäftsführung/Vorstand und Senior Leadership Team (SLT), blinde Flecken werden sichtbar und konkrete nächste Schritte werden vereinbart. Entscheidend: kleine Runden, klare Regeln, und ein Follow up mit Owner + Termin, sowie der Abgleich mit dem Big Picture der Kulturarbeit (z. B. mehr Autonomie). Die Methode ist einfach aufzusetzen, hochwirksam – und sofort in Offsites einsetzbar.
Einleitung
In vielen Unternehmen geraten Transformations- und Kulturprogramme ins Stocken: Gute Absichten – wenig Fortschritt. Eine häufige Ursache: Führung und Senior Leadership Team sprechen an den Kernpunkten vorbei. Die Fishbowl durchbricht dieses Muster. Sie schafft einen Rahmen, in dem zuerst wirklich zugehört und erst danach interagiert wird. Das Ergebnis: Verstehen vor Bewerten, weniger Verteidigung, mehr gemeinsame Entscheidungen. Ich habe die Fishbowl in meinem Masterstudium in USA kennengelernt und sie seither vielfach – vom Konzern bis zum Mittelstand – mit sehr positiver Wirkung eingesetzt, trotz anfänglicher Skepsis.
Dieses Format ist kein Show-Element, sondern eine einfache, gut moderierbare Lernarchitektur. Sie eignet sich besonders, wenn eine Kulturveränderung neuen Schwung braucht, weil sie Haltungen, blinde Flecken und Spannungen sichtbar macht – und den Weg zu tragfähigen Maßnahmen ebnet.
Was ist eine Fishbowl – und warum wirkt sie?
Die Fishbowl teilt eine Gruppe in Innenkreis (Sprechende) und Außenkreis (Zuhörende). Der Innenkreis führt – moderiert – ein fokussiertes Gespräch, der Außenkreis stellt keine Rückfragen aber macht sich Notizen. Danach werden die Rollen getauscht, zum Schluss folgt eine Synthese in gemischten Gruppen: Was war überraschend? Was war wichtig zu hören? Welche nächsten Schritte folgen? Dieses Setting verhindert Kreuzgespräche, reduziert Rechtfertigung, erhöht die Gesprächsqualität – und richtet die Aufmerksamkeit auf das, was wirksam ist.
Das Wirkprinzip: Sichtbarkeit + Zuhören → Mustererkennung → Entscheidung. Führung zeigt sich – Motive, Wahrnehmungen und Bewertungsmaßstäbe werden greifbar. Der Rollenwechsel verschiebt „Meinung gegen Meinung“ zu einem Abgleich von Wirklichkeiten. Genau dieser Schritt beschleunigt Kulturarbeit, weil Lernen vor Rechthaben tritt und entscheidbare Optionen entstehen.
Woher kommt die Fishbowl? Der therapeutische Ursprung
Viele wirksame Formate der Organisationsentwicklung stammen aus der Therapie. Die Fishbowl ist eng verwandt mit dem Reflecting Team: Ein Expertenteam beobachtet eine Familientherapiesitzung, diskutiert anschließend hörbar füreinander, während die Familie zuhört. Das erzeugt neue Einsichten, weil Leistungen und positive Absichten gewürdigt, Muster benannt und Alternativen sichtbar werden – ohne Vorwurf. Diese Logik wurde in die Organisationsentwicklung übertragen – mit bemerkenswerter Wirkung in Veränderungsprozessen.
Wann ist die Fishbowl sinnvoll?
- Transformation stockt: Es fehlt Energie oder Klarheit – Sie brauchen einen ehrlichen Spiegel zwischen Geschäftsführung/Vorstand und SLT.
- Haltungen/Spannungen sind diffus: Es gibt Signale, aber keine gemeinsamen Worte oder einen echten Austausch darüber.
- Sie brauchen belastbare Entscheidungen: Die Diskussion soll konkrete Maßnahmen hervorbringen – nicht nur Einsichten.
So bereiten Sie die Fishbowl vor
1) Ziel und Big Picture klären
Welches Ziel verfolgt die Session (z. B. Transformation voranbringen, Schnittstellen klären)? Prüfen Sie anschließend jeden Vorschlag gegen dieses Big Picture: Passt eine Maßnahme wirklich zur kulturellen Zielrichtung – oder konterkariert sie sie? Beispiel: Wer Autonomie stärken will, sollte nicht mit Mehrkontrolle antworten.
2) Regeln und Rollen definieren
- Innenkreis spricht, Außenkreis hört zu. Keine Zwischenfragen, keine Rechtfertigungen.
- Zeitkorridor (Timeboxing) je Runde: 10–15 Minuten – Qualität vor Quantität.
- Dokumentation: Nur Fakten & Zusagen, keine Meinungsprotokolle.
3) Zusammensetzung: klein halten
Innenkreis maximal 4–5 Personen, mit Moderator: höchstens 6. Große Gruppen mindern Fokus und Gesprächstiefe. Bei ungleicher Gruppengröße (z. B. 3 Geschäftsführer, 10 Standortleiter) arbeiten Sie mit Vertreter:innen im Innenkreis; ein späterer Personentausch ist möglich, muss aber Mehrwert bringen.
Die drei Phasen im Überblick
Phase 1 – Geschäftsführung/Vorstand im Innenkreis
Moderierter Austausch zu drei Leitfragen (sichtbar als Handout/Folie):
- Was gelingt bereits in der Kulturveränderung?
- Wo hakt es? (Beobachtbare Beispiele)
- Welche Wünsche an das SLT gibt es für die nächsten 90 Tage?
Der Außenkreis hört zu und notiert – ohne Kreuzgespräch.
Phase 2 – 3–5 SLT-Vertreter im Innenkreis
Spiegelung aus SLT-Sicht mit ähnlichen Leitfragen – ergänzt um Hürden auf drei Ebenen:
- Verhalten (z. B. Meetingpraxis, Reaktionsmuster)
- Symbole (Zeit/Budget, Präsenz der Führung)
- Systeme (Abläufe, Eskalationslogik, Bonifizierung)
Wichtig: Keine Rechtfertigung für Aussagen der Phase 1; eigene Wahrnehmung darstellen.
Phase 3 – Gemischter Innenkreis (Synthese)
Gemeinsames Reflektieren:
- Was war überraschend/wichtig?
- Welche Muster wurden sichtbar?
- Welche 2–3 Maßnahmen setzen wir als Nächstes um – Owner + Termin + Follow-up?
Achten Sie auf Kongruenz mit dem Big Picture (z. B. Autonomie).
Dos & Don’ts aus der Praxis
Dos
- Klare Dramaturgie: Regeln zu Beginn, Timeboxing, Rollenwechsel, fokussierte Synthese.
- Konkrete Beschlüsse: Pro Muster eine Maßnahme – mit Verantwortlichen, Termin, erstem Check-in.
- Nachhalten: Follow-up (z. B. in Regelmeetings), ggf. weitere Mini-Fishbowl nach 4–6 Monaten.
Don’ts
- Rechtfertigungsschleifen: „Das stimmt so nicht …“ – interessiert hier nicht. Wahrnehmungen sind berechtigt. Reagiert wird erst in Phase 3.
- Vage Wünsche: „Man sollte mal …“ ersetzen durch konkrete Vereinbarungen.
- Überfrachtete Innenkreise: Mehr Stühle ergeben selten mehr Tiefe. 5 Sprechende.
Beispiel aus der Praxis: Autohaus-Holding im Offsite
In einer Autohausgruppe (Holdingstruktur) traf eine 3-köpfige Geschäftsführung auf rund 10 Standortverantwortliche. In der Synthese (Phase 3) wurden zwei Kernmuster sichtbar:
- Die Holding-Geschäftsführung wurde zu häufig in Tagesgeschäftsfragen eingebunden – historisch gewachsen, aber kontraproduktiv für den strategischen Fokus der Holding.
- Vertreterregelungen waren unklar. Bei Abwesenheit der primären Ansprechpersonen wussten Teams nicht, wen sie ansprechen sollten und eskalierten an die Holding-Geschäftsführung.
Konsequenzen:
- Kommunikationslinie schärfen: Erst am Standort lösen; Holding nur bei definierten Eskalationskriterien.
- Vertretungen festlegen und sichtbar machen.
- Follow-up terminieren: Review nach 4 Wochen, danach ggf. Mini-Fishbowl.
- Big-Picture-Check: Verhalten, Symbole und Systeme konsequent an der Zielrichtung „mehr Autonomie an den Standorten“ ausrichten – keine versteckten Rückfälle in Mehrkontrolle.
Das Beispiel zeigt: Eine einzige Fishbowl kann Rollen klären, Systemsignale ausrichten und den strategischen Fokus der Führung sichern – ohne zusätzliche Projekte oder Gremien.
Dokumentation, Nachhalten, Lernen
Dokumentieren – aber fokussiert
Halten Sie nur fest, was entscheidungs- und umsetzungsrelevant ist: Muster, Maßnahmen, Owner + Termin, erste Follow-up-Mechanik. Meinungsprotokolle vermeiden – so senken Sie die Signal-to-Noise-Ratio.
Follow-up – Rhythmus geben
Nutzen Sie bestehende Regelmeetings für ein kurzes „Beschluss-Review“ (Was ist erledigt? Was blockiert?). Planen Sie nach 4–6 Monaten eine Mini-Fishbowl: Was hat gewirkt? Was braucht eine Kurskorrektur?
Verhalten messbar machen
Wenn sich Verhalten ändern soll, definieren Sie konkrete Beobachtungskriterien (Woran sehen wir es?) und nutzen Sie ein Buddy-System mit kurzen Rückkopplungen. Das erhöht Verbindlichkeit – ohne Bürokratie.
Häufige Stolperfallen – und wie Sie sie vermeiden
- Zu große Innenkreise → Tiefe bricht weg. 5 Sprechende, Moderator: +1.
- „Ad-hoc-Debatten“ in Phase 1/2 → Regeln verfehlt. Keine Rückfragen, keine
- Widerspruch zum Big Picture → Gute Maßnahme, falsches Signal. Jede Entscheidung am Zielbild spiegeln (z. B. Autonomie statt Kontrolle).
- Kein Follow-up → Einsichten verpuffen. Owner + Termin + Review
- Unklare Eskalationswege → Holding/Führung wird wieder ins Tagesgeschäft gezogen. Schnittstellen + Vertreterregeln definieren und kommunizieren.
Leitfragen für Ihre nächste Fishbowl
Für Phase 1 (GF/Vorstand)
- Was gelingt in unserer Kulturveränderung – und warum?
- Wo stockt es – und woran erkennen wir das?
- Welche konkreten Erwartungen haben wir an das SLT für die nächsten 90 Tage?
Für Phase 2 (SLT)
- Was funktioniert aus eurer Sicht gut?
- Wo seht ihr Hürden – bei Verhalten, Symbolen, Systemen?
- Welche klaren Wünsche habt ihr an die Geschäftsführung/Vorstände?
Für Phase 3 (gemischt)
- Was war überraschend? Was war wichtig zu hören?
- Welche 2–3 Maßnahmen setzen wir jetzt um – Owner + Termin + Follow-up?
- Big-Picture-Check: Passen die Maßnahmen zum Zielbild (z. B. Autonomie)?
Integration in Ihre Kulturarbeit
Die Fishbowl entfaltet besondere Wirkung, wenn Ergebnisse direkt an den drei Kulturhebeln verankert werden:
- Verhalten – z. B. Meeting-Routinen, Antwortzeiten, Eskalationsdisziplin.
- Symbole – z. B. Zeit- und Budgetentscheidungen, Präsenz der Führung, welche Themen Aufmerksamkeit erhalten.
- Systeme – z. B. Abläufe, Eskalations- und Vertreterlogik, Anreizsysteme.
Nur wenn diese drei Ebenen kongruent sind, senden Sie konsistente Signale – und die Veränderung wird nachhaltig.
Fazit
Die Fishbowl ist einfach, schnell und wirksam. Sie erzeugt einen ehrlichen Spiegel zwischen Führung und Senior Leadership Team, macht Muster sichtbar und führt in kurzer Zeit zu klaren, umsetzbaren Schritten. Entscheidend sind: klare Regeln, kleine Innenkreise, Owner + Termin + Follow-up sowie der konsequente Abgleich mit dem Big Picture Ihrer Kulturarbeit. Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihre Veränderung Tempo und Richtung braucht, ist die Fishbowl ein Format, das lernen, entscheiden und handeln miteinander verbindet.
Herzliche Grüße
Björn Johannsmeier
PS: Wenn Sie eine Fishbowl in Ihrer Organisation durchführen oder eine laufende Transformation neu ausrichten möchten, begleite ich Sie gern – von der Konzeption über die Moderation bis zum wirksamen Follow-up. Melden Sie sich hier für ein kostensloses Erstgespräch an. Hier können sie mehr zum Thema Kulturveränderung erfahren.






